Sandra hörte diesen Satz oft von ihrer Mutter. Dieser Satz hat sie geprägt. Als sie und ihr Partner sich vor zwei Jahren trennten, kam ihr der Satz in ihrer Überforderung wieder in den Sinn. „Ich dachte mir, ich muss nicht alles allein durchstehen, ich muss nicht allein kämpfen, sondern kann auch Hilfe in Anspruch nehmen.“ Ihre Tochter war bei der Trennung vier Jahre alt, ihr Sohn zwei. Ihr war klar, dass es gerade für die Ältere in dem Moment eine Belastung war, dass sich die Eltern trennten. Sie suchte ein Angebot für die Kinder und fand dieses beim Projekt Gigagampfa des Ehe- und Familienzentrums, einer Stiftung der Katholischen Kirche Vorarlberg. „Wir holen die Kinder dort ab, wo sie in ihrem Alltag stehen“, sagt Martina Höber, Bereichsleiterin für Alleinerziehende und Gigagampfa. „Wir begleiten die Kinder individuell in Kleingruppen von drei bis fünf Kindern. Das Gigagampfa-Konzept ist prozessorientiert, wir gehen konkret auf die Lebenssituationen der Kinder ein.“
Jedes Kind, dem die Trennung der Eltern „passiert“, reagiert darauf anders. Wut, Trauer, Ärger oder auch Schuldgefühle und Rückzugsverhalten sind mögliche Ausdrucksweisen. In zehn Treffen zu je 90 Minuten werden sie von einer fachlich fundieren Gruppenleiterin durch einen begleiteten Prozess geführt. Es geht darum, den Selbstwert und die emotionale Selbstwahrnehmung der Kinder zu stärken, der Ist-Situation aus der Sicht des Kindes Platz zu geben und erfüllbare Wünsche zu entdecken. Im Rahmen einer Gigagampfa-Gruppe finden außerdem drei Elterngespräche statt, die sich inhaltlich am Prozess der Kindergruppe orientieren. Es werden auch Themen wie die Auswirkungen der Konflikte des getrennten Paares auf die Elternebene und auf die der Kinder besprochen. Vor allem eines ist wichtig: Auch wenn die Paarkonstellation zerbricht, das Dreieck Mama-Papa-Kind bleibt bestehen. Eltern bleiben Eltern.
Der Rucksack ist leichter
Zurück zur konkreten Arbeit mit den Kindern. Sandra war begeistert, als ihre Tochter nach einem Treffen nach Hause kam: „Sie erzählte mir, dass sie ein lebensgroßes Plakat von sich gemacht hat. Auf diesem durfte sie einzeichnen, was sie von Mama hat und was von Papa. ‚Die Augen habe ich von Papa, aber die Haare sind wirklich von dir, Mama‘ sagte sie." Für Sandra eine Übung mit einer schönen Botschaft: Beide haben Platz, das Kind muss sich nicht zwischen Mama und Papa entscheiden. „Ich denke, es ist besser, glücklich getrennt zu sein, als unglücklich zusammen. Ich stelle mir immer vor, was mich die Kinder fragen, wenn sie mal 15 Jahre alt sind. Und ich hätte auf die Frage, warum ich nicht glücklich bin mit Papa antworten müssen: Ich bin wegen euch Kindern geblieben. Das will ich nicht. Es ist meine Verantwortung, sie dürfen diesen Rucksack nicht tragen“, schreibt Sandra in ihrem Blog „Alltag mit Alleinerziehenden“ auf der Seite des Vorarlberger Familienverbands. Sandra ist beruflich selbstständig im Bereich Online Marketing und Verantwortliche der Plattform alleinerziehend-vorarlberg.at. Mit ihrem Blog will sie alleinerziehende Mütter und auch Väter emotional unterstützen und ihnen Mut machen, einen guten Weg mit ihren Kindern zu gehen. Das Gefühl: „Es geht nicht nur mir so, ich bin nicht allein.“ ist sehr befreiend.
Ja, es ist eine gute Lösung, sich zu trennen, wenn die Paarbeziehung gescheitert ist, auch für die Kinder, ist Martina Höber ebenso überzeugt. Kinder werden für die Zukunft gestärkt, wenn sie nicht in dauernden Konflikten aufwachsen. „Oft besteht die Angst der Eltern, dass Kinder aus Scheidungs- bzw. Trennungsfamilien nicht beziehungsfähig sind. Die Hypothek für die Kinder ist jedoch größer, wenn die Eltern zusammenbleiben, obwohl es keine gelebte Paarbeziehung mehr gibt“, so die Bereichsleiterin.
Trotzdem plagten Sandra Schuldgefühle, weil sie ihrer Tochter den Rucksack der Trennung aufbürdet. Ein Gefühl, welches alle getrennt lebenden Eltern prägt. Im Blog schreibt Sandra über ihre Erfahrung mit der Gigagampfa-Gruppe: „Jeder Mensch trägt seinen Rucksack. Manche füllen sich schneller. Manche langsamer. Aber alle füllen sich. Mit der Trennung kommt zwar was dazu, aber langsamer. Das ist gut so. Wenn ich nicht gegangen wäre, hätte ich nicht gewusst, wie schnell er sich füllt mit unausgesprochenen Erwartungen, Spannungen und Schuld. Bei Gigagampfa wird sichtbarer, was meine kleine Maus beschäftigt. Und das ist das Beste, was ich tun kann.“
„ICH DENKE, ES IST BESSER, GLÜCKLICH GETRENNT ZU SEIN, ALS UNGLÜCKLICH ZUSAMMEN.“ „OFT BESTEHT DIE ANGST DER ELTERN, DASS KINDER AUS SCHEIDUNGS- BZW. TRENNUNGSFAMILIEN NICHT BEZIEHUNGSFÄHIG SIND. DIE HYPOTHEK FÜR KINDER IST JEDOCH GRÖSSER, WENN DIE ELTERN ZUSAMMENBLEIBEN, OBWOHL ES KEINE GELEEBTE PAARBEZIEHUNG MEHR GIBT:"
Sandra ist eine mutige Mutter. Und sie weiß: Ganz viel hat sie von ihrer starken Mutter vorgelebt bekommen. Das will sie auch an ihre beiden Kinder weitergeben. Ihr Sohn ist noch klein, aber auch er wird in ein Alter kommen, wo er Fragen stellen wird, warum seine Eltern nicht mehr zusammen sind.
„Gigagampfa ist nicht nur für die momentane Akutsituation gedacht, sondern auch für Kinder, bei denen die Trennung der Eltern schon weiter zurückliegt“, so Martina. Prinzipiell können Kinder zwischen 4 und 14 Jahren an einer Gruppe teilnehmen. Sowohl im Ober- als auch im Unterland gibt es Gigagampfa-Kleingruppen, sie werden in allen Bezirken angeboten. Jugendliche fühlen sich im Gruppensetting meist nicht mehr so wohl, sind in der Pubertät oder wollen sich bewusst von den Eltern loslösen. Ab 14 Jahren kann ein Einzelsetting das bevorzugte Angebot sein. Jugendliche und junge Erwachsene finden in der Beratungsstelle des EFZ Begleitungsmöglichkeiten.
Preis gewonnen
Im September 2023 hat das Projekt Gigagampfa den 3. Platz beim Bank Austria Sozialpreis 23 verliehen bekommen. Eine große Ehre und auch Lohn für den bereits 27-jährigen Einsatz des EFZ zum Wohle von Kindern und Jugendlichen aus Trennungsfamilien. Roswitha Vierhauser startete mit Gigagampfa im Jahr 1997. In den vielen nachfolgenden Jahren hat sich dieses Angebot für Kinder von getrennt lebenden Eltern fortlaufend weiterentwickelt. Die Sozialorganisationen in Vorarlberg sind zahlreich und engmaschig. Oft werden so aber Angebote übersehen oder man wagt es als „ghöriger“ Vorarlberger, als „ghörige" Vorarlbergerin aus Scham nicht, diese in Anspruch zu nehmen. Der Preis trägt dazu bei, dass das Projekt Gigagampfa wieder verstärkt wahrgenommen wird.
Text: Daniel Furxer, Marie Ausgabe Februar