Wenn ich daran zurückdenke, wie mein Vater mich als Kind oder Jugendlichen für seine Arbeiten zuhause einspannen wollte und ich mich öfters heimlich davonschlich, kommen mir jetzt noch Schuldgefühle. Heute, da ich selbst Vater und Großvater bin, weiß ich, wie Mithilfe und Unterstützung gut tut.
Woran ich mich hingegen gerne erinnere, sind die Zeiten, wenn wir zusammen in den Wald gingen. Mein Vater liebte den Wald und wir hatten dort auch manchmal was zu arbeiten. Am schönsten aber war „unser“ Spiel: Mein Vater konnte jeden Baum an seiner Rindenstruktur erkennen. Er musste die Augen schließen, ich führte ihn zu einem Baum, er musste ihn abtasten und raten. Fast immer hat mein Vater den Baum erkannt und ich war stolz auf einen so gescheiten Vater. Manchmal hätte ich mir gewünscht, dass seine Hände mich so zärtlich berühren würden. Aber das war nicht meines Vaters Stärke.
HINSCHAUEN
Nicht wenige Männer tragen ihrem Vater etwas nach. Manchmal sind es einzelne Ereignisse, Verletzungen, Demütigungen. Manche Männer schleppen ein Grundgefühl von Wut und Hass gegenüber ihrem Vater mit sich. Nicht selten wurzelt dieser Hass in der Trauer über den Mangel an Kontakt und Liebe.Ein erster Schritt zur Versöhnung mit dem Vater – und damit auch mit sich selbst – ist das Hinschauen auf die eigene Beziehung mit dem Vater, auf das Trennende und das Verbindende.
Ich behaupte: immer mehr Männer sind sich bewusst, dass sie als Vater für die gesunde Persönlichkeitsentwicklung ihres Kindes wichtig sind. Genauso wichtig wie die Mutter, was auch pädagogisch belegt ist. Es beginnt mit einem fürsorglichen Umgang mit der werdenden Mutter und einem aktiven Interesse am werdenden Kind. Eine wesentliche Rolle kommt dem Vater dann schon in den ersten Lebensmonaten des Babys zu: die Mutter-Kind-Symbiose zu lösen und damit eine allzu enge Bindung zwischen Mutter und Kind zu verhindern. Das wird später für die notwendige Ablöse des Kindes von der Mutter die Trennungsängste vermindern. Gleichzeitig kann der Vater eine Beziehung zum Kind aufbauen. Nicht jedem Vater gelingt es auf Anhieb, die Nähe und Liebe zum Baby wahrzunehmen und zu zeigen. Da kann die Mutter unterstützen, indem sie den Vater in die Pflege des Kindes miteinbezieht. Wickeln, baden, anziehen, ins Bett bringen.
Für die weitere Entwicklung des Kindes sind Väter wichtig, weil sie einen anderen Umgang und meist anderen Erziehungsstil verfolgen als Mütter. Väter bieten eher körperbetonte Spiele an, sind zumeist mutiger und trauen ihrem Kind auch schneller etwas allein zu. Im Idealfall ergänzen sich hier männliches und weibliches Verhalten und das Kind lernt beides.
Albert A. Feldkircher
DAS SCHWEIGEN BRECHEN
Väter und Großväter mit Kinderwagen gehören heute zum Straßenbild. Trotzdem gibt es noch das Schweigen der Väter – jener Männer, die nach einer unmenschlichen Arbeitswoche ausgelaugt heim zur Familie kommen und nun liebevolle Väter sein sollten. Sie würden es gerne, aber sie können es nicht mehr. ene Väter, die ohne gutes männliches Vorbild aufgewachsen sind und nie gelernt haben, mit Zärtlichkeit, Gefühlen, Spiel und Kindern umzugehen. Es gibt auch jene Väter, die nicht die Kraft und Einsicht haben, sich in die Inszenierung von Mutter und Kind einzumischen. Sie glauben, dass sie alles falsch machen und zur Kindererziehung nicht taugen. Und es gibt die Väter, die geschieden sind, die nicht selten nur noch zahlen dürfen, sich dann zurückziehen und verschwinden. Sie schweigen, aber sie leiden mit schlechtem Gewissen gegenüber ihren Kindern.
Ich glaube, es ist höchste Zeit, dass diese Väter ihr Schweigen brechen, aufstehen und sich einmischen, Verantwortung wahrnehmen und als Väter ihren Mann stellen. Dabei müssen wir alle sie auch unterstützen, denn Kinder brauchen nicht nur die Fürsorge der Mütter, sondern auch eine gute Beziehung zum Vater.
VATERROLLE IM WANDEL
Ich stelle mit Genugtuung fest, dass die junge Männergeneration sich weitgehend aktiv als Väter einbringt. Oft schon während der Schwangerschaft der Frau, der Geburtsvorbereitung, Präsenz bei der Geburt und danach. Mit steigender Tendenz auch in der Väterkarenz.
Auch Männer die (noch) nicht Väter geworden sind, tragen die Kraft des Väterlichen in sich. Das trifft auf Priester, Ordensbrüder, Lehrer, Trainer, Paten, Onkel, Mentoren, väterliche Freunde zu.
Was ist das Väterliche? Es ist schwer zu beschreiben. Für mich hat es mit Schutz, Präsenz, Sicherheit geben zu tun. Fürsorglich sein, beraten, betreuen, unterstützen, fördern und fordern, reden und zuhören können, Liebe zeigen und Liebe geben, da sein. Ich bin überzeugt, dass dieses Väterliche eine große und wichtige Qualität für unsere Beziehungen, für unsere ganze Gesellschaft ist.
In diesem Sinne wünsche ich einen schönen Vatertag!
Albert A. Feldkircher